Design-Idee aus dem Wasserkocher

Schrauben war gestern: Die Hallenser Designstudentin Judith Burgard hat Möbel entwickelt, die nur mithilfe von kochendem Wasser aufgebaut werden. Mit ihrer Idee stand sie kürzlich auf der Shortlist für den Österreichischen Staatspreis Design, der Mitte Mai in Wien verliehen wurde. Ein Gespräch über Nachhaltigkeit, Gestaltungsprozesse – und die Macht des kreativen Zufalls.

IMG: Stellen Sie sich bitte kurz vor und beschreiben Sie Ihren Werdegang!

Judith Burgard: Der lässt sich recht schnell zusammenfassen. Ich bin Judith, habe nach dem Abitur eine Lehre zur Goldschmiedin gemacht und bin danach an die Burg Giebichenstein Kunsthochschule in Halle gekommen. Hier studiere ich im fünften Jahr Industrie- und Produktdesign und mache gerade meinen Bachelorabschluss.

Mit einem Stuhl aus Ihrer Möbelserie INSTANT standen Sie erst jüngst auf der Shortlist für den Österreichischen Staatspreis Design 2024. Was macht Ihre Möbel aus?

INSTANT ist eine Möbelserie, die nur mithilfe von Wasser aufgebaut werden kann. Die Möbel werden flach geliefert. Man gießt kochendes Wasser in vorgegebene Kerben, das Wasser weicht das Material auf und das Möbelstück lässt sich einfach in Form biegen. 

Wie genau funktioniert das?

Im Sommersemester 2023 haben wir im Studium mit speziellen Faserplatten des Holzwerkstoffherstellers Fundermax gearbeitet, die wirklich zu 100 Prozent aus Holz bestehen. Wenn man das Material nass macht und erhitzt, wird es formbar und durch das holzeigene Lignin im kalten und trockenen Zustand wieder hart.

Wie sind Sie auf die Idee gekommen, Möbel „zum Aufbrühen“ zu entwickeln?

Die Idee ist eigentlich durch Zufall entstanden. In der ersten Woche des Semesters haben wir viele kleine Materialproben auf verschiedene Weisen bearbeitet. Meine Gruppe hat sich mit dem Thema Biegen beschäftigt. Wir haben alles Mögliche versucht: das Material anzünden, es trocken im Ofen erhitzen – ohne Erfolg. Dann sind wir auf die Idee gekommen, die Proben feucht zu erhitzen. Wir haben sie einfach im Wasserkocher aufgekocht. Das hat so gut funktioniert, dass ich mir gedacht habe: Daraus mache ich mein ganzes Konzept.

Aus welchen Teilen besteht Ihre Möbelserie, und was macht den Stuhl zum Herzstück?

Neben dem Stuhl habe ich einen Lounge Chair, einen Beistelltisch und eine kleine Garderobe entworfen. Den Stuhl habe ich im Semester fertigstellen können und bin mit dem Design sehr zufrieden. Stühle sind aus Designperspektive sehr praktisch, weil viele Parameter schon recht genau vorgegeben sind. Damit hat man ein gutes Grundgerüst für die weitere Entwicklung. 

Wie nachhaltig sind Ihre Möbel?

Das Material kommt aus nachhaltiger und regionaler Forstwirtschaft – allerdings nicht hier in Sachsen-Anhalt, sondern aus der Region des Herstellers in Österreich, der den Stuhl auch beim Designpreis eingereicht hat. Die Faserplatten enthalten keine petrochemischen Bindemittel. In der Entsorgung muss nichts getrennt werden, weil das Material nicht verklebt, sondern nur gebogen und zusammengesteckt wird. Beim Pressen der Platten wird viel Energie benötigt, um das Lignin zu aktivieren, und beim Ausfräsen der Bauteile für den Stuhl entsteht recht viel Verschnitt. In vielerlei Hinsicht sind die Möbel also schon sehr nachhaltig – aber es ist immer Luft nach oben.

Haben Sie im Entwicklungsprozess auch Künstliche Intelligenz genutzt?

Für INSTANT tatsächlich nicht. Ich glaube aber, dass KI für uns Designerinnen und Designer ein guter Sparringspartner sein kann. Wenn man eine grobe Vorstellung hat, kann man sich zum Beispiel mit ChatGPT oder Bild-erstellenden KIs dazu austauschen und bekommt relativ schnell eine große Bandbreite an Ideen. Die muss man natürlich mit menschlicher Intelligenz bewerten und sortieren, aber ich habe auf jeden Fall Lust, das auszuprobieren!

Wieso haben Sie sich für das Studium an der BURG entschieden?

In meinem Umfeld hat niemand studiert, deswegen war das auch für mich kein vorgezeichneter Weg. Während meiner Lehre habe ich erfahren, dass es so etwas wie Industriedesign gibt. An der Kunsthochschule in Pforzheim habe ich mir dann eine Mappe von jemandem angesehen, der mir eine Liste mit Hochschulen geschrieben hat. Da stand die BURG ganz oben. Ich habe die Eignungsprüfung gemacht, wurde angenommen – und war darüber so glücklich, dass ich mich nirgendwo anders beworben habe. Ich bin froh, dass es mich von Würzburg hierher verschlagen hat!

Wie geht es für Sie jetzt weiter?

In diesem Semester mache ich meinen Bachelor, deswegen habe ich alles andere erst einmal hinten angestellt. Wenn ich wieder Zeit habe, hätte ich schon Lust, INSTANT weiterzuentwickeln, besonders die Möbelstücke, mit denen ich noch nicht so richtig zufrieden bin. Ich möchte beruflich gerne in Richtung Industrie- und Produktdesign gehen, habe aber auch Lust, später noch meinen Master zu machen. Vielleicht ja wieder in Halle!

Mehr über INSTANT erfahren Sie auf https://www.burg-halle.de/design/industriedesign/industriedesign/aktuelles/a/judith-burgard-mit-instant-nominiert-fuer-oesterreichischen-staatspreis-design-2024/.

Foto: Judith Burgard