Nachhaltige Mode-Ideen aus Magdeburg

Als promovierte Umweltforscherin weiß Barbara Zippel, welchen Einfluss Mensch und Industrie auf den Planeten haben. Mit hochwertigen Naturfarben und einer umweltfreundlichen Modelinie will sie zeigen, dass es auch anders geht.

Dänemark, Kanada und eine Expedition auf die Weihnachtsinseln: In 20 Jahren wissenschaftlicher Laufbahn hat Dr. Barbara Zippel in einigen Gebieten der Welt Gewässer, Böden und Gesteine untersucht. Dabei hat sie mit eigenen Augen gesehen, was der Mensch in unserer Umwelt anrichtet – aber auch, was mit Materialien aus der Natur alles möglich ist. Heute betreibt sie die „Pflanzenfarben-Manufaktur“ in Magdeburg, veranstaltet Färbekurse und hat eine Modelinie entwickelt. Ein Gespräch über Nachhaltigkeit, Kreativität und die Bedeutung eines guten Netzwerks.

Wie sind Sie auf die Idee gekommen, mit Pflanzenfarben zu arbeiten?
Mein Mann betreibt hier in Magdeburg ein Unternehmen, das sich mit nachwachsenden Rohstoffen beschäftigt, dort habe ich ein Jahr in der Qualitätssicherung mitgearbeitet. Er hat vor 25 Jahren Verfahren entwickelt, um Farbstoffe aus einheimischen Färbepflanzen zu extrahieren. Denn: Wenn man Pflanzenfarben industriell einsetzen will, kann man nicht einfach die getrockneten Pflanzenteile benutzen, man braucht standardisierte Farbstoffe. Diese Farbstoffe habe ich im Labor analysiert. 2017 habe ich an einem Naturfärbekurs teilgenommen und war fasziniert von den verschiedenen Techniken und der Kreativität, die dahintersteckt. Danach war für mich der Entschluss klar: Damit will ich mehr machen.

Was machen Sie in Ihrem Unternehmen?
Ich färbe Stoffe mit natürlichen Farben und möchte zeigen, dass man daraus hochwertige Kleidung mit hohem Tragekomfort machen kann. Dazu musste ich gar nichts neu erfinden: Synthetische Farbstoffe wurden erst um 1850 entdeckt, davor hat man alles mit natürlichen Materialien gefärbt. Es gibt Verfahren, die sind Jahrtausende alt, da ist unglaubliches Wissen entstanden und noch immer vorhanden.

Also: Mit Färbepflanzen die Modeindustrie verändern?
Als man die künstlichen Farbstoffe entdeckt hat, war das natürlich eine große Entwicklung in Rahmen der Industrialisierung – so viele Farben, so günstig herzustellen. Aber: Dafür braucht man Erdöl. Die Textilindustrie verursacht fast 20 Prozent der weltweiten Wasserverschmutzung, sie verbraucht wertvolle Rohstoffe. Ich möchte zeigen, dass Mode auch mit natürlichen Farbstoffen und nachwachsenden Materialien funktioniert, mit hoher Qualität und zu einem guten Preis.

Sie bieten Färbeworkshops an. Geht es da auch darum, zu vermitteln, was natürliche Farben alles können?
Das ist ein schöner Aspekt bei der Arbeit mit Pflanzenfarben. In meinen Workshops biete ich vor allem Indigo- und Shibori-Färberei an. Shibori ist eine alte japanische Färbetechnik, hier kennt man sie vor allem als „Batik“: Stoff wird mit Fäden gebunden und anschließend gefärbt, sodass ein Muster entsteht. Der Kreativität sind in den Workshops keine Grenzen gesetzt, weil man so gut wie  nichts falsch machen kann. Es ist jedes Mal spannend, das fertig gefärbte Stück aufzufalten und das entstandene Muster zum ersten Mal zu sehen. Ich biete solche Workshops auch für Kinder an. Und es macht besonders viel Spaß, weil Kinder nicht viel nachdenken, sondern einfach loslegen, und nach kurzer Zeit haben sie etwas ganz Eigenes in Händen.

Wann kam die Kleiderlinie dazu?
Mit meiner Kollektion „Klamottage Naturelle“ habe ich während der Corona-Pandemie angefangen. Im Frühjahr 2020 habe ich viel gefärbt und Rezepturen entwickelt. Zusammen mit einer Modedesignerin aus der Altmark, und Maßschneiderinnen aus Berlin und Magdeburg habe ich 2021 die ersten Musterstücke entworfen. Im Erzgebirge habe ich eine Textilmanufaktur gefunden, die dort mit 18 Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern hochwertige Kleidung anfertigen. Ich kümmere mich um die Farbrezepturen, gefärbt wird dann in einer professionellen Textilfärberei in Bayern. Mit dem Thema Mode werde ich mich in nächster Zeit noch in einem anderen Kontext beschäftigen. An einer Schule in Magdeburg entsteht gerade eine AG „Mode und Upcycling“, an der ich mitwirke. Das ist ein Grundgedanke, der mir auch sehr wichtig ist: Aus alten Dingen etwas Neues machen, und dieses Prinzip an Kinder und Jugendliche zu vermitteln.

Ihr Unternehmen ist jetzt knapp fünf Jahre alt. Wie hat es sich angefühlt, zu gründen?
Der Gründungsakt selbst war nicht besonders emotional: Ich bin aufs Gewerbeamt gegangen, habe ein Formular ausgefüllt und 30 Euro bezahlt, und dann hatte ich eine Pflanzenfarbenmanufaktur. Das ist der einfache Teil – dann muss man weitermachen.

Und wie haben Sie weitergemacht?
Ich habe angefangen, kleine Produkte zu färben, Schals und Socken. Die habe ich auf einem Adventsmarkt zum Verkauf angeboten und hatte ein einschneidendes Erlebnis: Es ist nicht die cleverste Idee, im Advent Sommersocken zu verkaufen. Im Anschluss an die Gründung der Manufaktur habe ich bei der Industrie- und Handelskammer an einer sechsmonatigen Weiterbildung teilgenommen: „ego.-Wissen“, die sich speziell an Gründerinnen und Gründer junger Unternehmen richtet. Da hatten wir einmal pro Woche Schulungen rund um den Geschäftsaufbau: Von Kalkulationen über Steuern bis hin zu Öffentlichkeitsarbeit war alles dabei. Mit ein paar anderen aus dieser Gruppe treffe ich mich bis heute zum Austausch. Wir haben alle hier in der Gegend gegründet, das ist für mich ein wertvolles Netzwerk.

Was würden Sie anderen Menschen raten, die gründen wollen?
Es ist wichtig, ein Ziel zu haben: Wo will ich hin? Wenn etwas schiefläuft – und es läuft manches schief grade an Anfang – kommt irgendwann der Punkt, an dem man sich fragt: Warum mache ich das hier eigentlich? Wenn man diese Frage wirklich für sich beantworten kann, kommt man aus den meisten Krisen wieder heraus.

Sie haben 2021 bei BESTFORM teilgenommen. Was bedeuten Kreativpreise für Gründerinnen und Gründer?
Meine Erfahrung ist, dass diese Preise eine Möglichkeit zur Fokussierung bieten. Man dreht ein Video, macht schöne Fotos, stellt eine Bewerbung zusammen und reicht sie bei einem Kuratorium ein. Man zeigt nicht nur ein Produkt, sondern auch die Ziele, die man damit verfolgt, und die Zusammenarbeit, die dahintersteckt. Man muss sich natürlich darüber im Klaren sein, dass es auch sein kann, dass man nicht gewinnt. Das ist aber nicht unbedingt der springende Punkt. Man sollte sich nicht zu sehr mit anderen vergleichen und auch nicht zu lange ins Zweifeln geraten, sondern die Gelegenheit nutzen, seine eigene Idee zu schärfen.

Was steht bei Ihnen als Nächstes an?
Ich bereite den Vertrieb und das Marketing meiner Modelinie vor. Etwas zu entwickeln ist das eine. Dann muss ein Etikett dran und das Produkt verkauft werden. Die Schwierigkeit ist: Man kann nicht alles allein stemmen. Ich überlege gerade, wie ich mir in diesem Bereich externe Unterstützung hole und in welchen Bereichen ich mir selbst noch Fähigkeiten aneignen kann und muss. Das ist auch noch etwas, das ich anderen sagen würde, die selbst gründen: Der Tag hat nur 24 Stunden. Man braucht ausreichend Schlaf, den Rest der Zeit sollte man sinnvoll nutzen. Und das heißt, nicht alles selbst zu machen.

Haben Sie noch ein paar Worte zum Abschluss?
Ich war vor Kurzem an der Schule, wo demnächst die Mode-AG losgeht. Da ist mir in einem Klassenraum ein Spruch begegnet: „Alles, was du machen kannst, ist: aufgeben, nachgeben, oder alles geben.“ Und genau so ist es.

Mehr Informationen zu Dr. Barbara Zippel, Klamottage Naturelle und den Färbeworkshops gibt es auf https://www.pflanzenfarben-manufaktur.de/.

Foto: Dr. Barbara Zippel