„Nachhaltigkeit ist der einzige Weg“

Marianne Sellmaier hat an der Burg Giebichenstein Kunsthochschule Halle Industriedesign studiert – und für ihre Masterarbeit einen prestigeträchtigen Designpreis gewonnen. Die Vision der 28-Jährigen: Lebensraum für Mikroorganismen im urbanen Raum schaffen – mit Lehm aus dem 3D-Drucker. Ein Gespräch über Nachhaltigkeit, Innovation und verkannte Stärken traditioneller Baustoffe.

IMG: Stellen Sie sich kurz vor und beschreiben Sie Ihren Werdegang!

Marianne Sellmaier: Aktuell bin ich künstlerische Mitarbeiterin im Bereich „dreidimensionale Grundlagen“ an der BURG. Nach meinem Bildungsweg mit gestalterischem Schwerpunkt habe ich in meiner Heimatstadt München einen Bachelorabschluss im Fach Industriedesign gemacht und bin für den Master nach Halle an der Saale gezogen. Dazwischen habe ich in Praktika internationale Erfahrung gesammelt, zum Beispiel in Amsterdam und Kuala Lumpur.

Für Ihre Masterarbeit mit dem Titel „Infused Earth“ haben Sie jüngst den Green Concept Award 2024 in der Kategorie „New Materials“ gewonnen. Was war das Thema Ihrer Arbeit?

Ganz knapp könnte man sagen, ich habe Objekte aus Lehm mit dem 3D-Drucker hergestellt. Das Spannende daran ist: Lehm ist ein traditioneller Baustoff, der anders als Keramik oder Ziegelsteine „roh“ nutzbar ist, also nicht gebrannt werden muss. Er ist nicht nur belastbar sondern auch ein großartiger Lebensraum für Mikroorganismen und bietet deshalb große Potenziale beim Thema Nachhaltigkeit. Weil er schwer zu normieren und sehr arbeitsintensiv ist, wird Lehm bei uns heutzutage jedoch kaum noch genutzt. Mit der digitalen Fertigung von Objekten aus Lehm im 3D-Drucker müssen die aufwendigen Arbeitsprozesse kein Hindernis mehr sein – und die Vorteile, die Lehm als Baustoff bietet, können voll ausgenutzt werden.

Was hat Sie zu diesem Projekt inspiriert?

Lehm hat jahrhundertelang das Leben der Menschen geprägt und wird heute kaum noch genutzt. Ich glaube aber, dass wir Materialien wie Lehm gerade jetzt dringend brauchen, weil sie Kreisläufe bilden und sich nachhaltig nutzen lassen. Mit dem 3D-Druck können wir Formen schaffen, die in traditioneller Lehmverarbeitung gar nicht möglich sind, und das alte Material auf völlig neue Weise nutzen. Während meiner Residency in den BurgLabs, den an der Kunsthochschule angesiedelten Designlaboren, habe ich mich das erste Mal intensiv mit Lehm beschäftigt. Später habe ich in einem praxisbasierten Forschungsansatz ein Verfahren entwickelt, um Lehm im urbanen Raum nutzbar zu machen.

In Ihrer Arbeit spielt der Begriff “Biorezeptivität” eine zentrale Rolle. Was verbirgt sich dahinter?

Als biorezeptiv werden Materialien bezeichnet, auf deren Oberfläche sich Organismen ansiedeln können. Das Spannende an Lehm ist: Solange er nicht gebrannt wird, bleibt er offen und porös und bietet ein ideales Umfeld für viele Lebewesen, zum Beispiel Mikroorganismen. Diese Eigenschaften wollte ich nutzbar machen. Für meine Masterarbeit habe ich deshalb unter anderem Elemente aus Lehm entwickelt, die wie Fließen an Bestandsgebäude angebracht werden können. Diese werden im 3D-Drucker hergestellt.

Welchen Herausforderungen sind Sie während der Entwicklung von „Infused Earth“ begegnet? Und wie haben Sie diese überwunden? 

In dieser Skalierung hat noch niemand sonst Lehm 3D-gedruckt. Deswegen habe ich bei null angefangen und überlegt: Wie muss das Material aussehen, damit es im Drucker verarbeitet werden kann? Wie muss der Drucker eingestellt sein? Ich habe also praxisbasiert geforscht: Ich habe am Objekt ausprobiert, die Ergebnisse meiner Versuche dokumentiert und mit den Informationen, die ich am Objekt gewonnen habe, einen neuen Versuch gestartet. Die Vision, die ich am Ende erarbeitet habe, lautet: Wie können wir mehr Biodiversität in unseren Alltag zurückbringen? Wie können wir Lebewesen einladen, in unseren Städten, im urbanen Raum, mit uns zu leben und ein Teil von unserer Stadt zu sein?

Wie wollen Sie Ihre Ergebnisse weiter nutzen?

Eine wichtige Eigenschaft der Designerinnen und Designer meiner Generation ist: Wir wollen Wissen nicht nur generieren, sondern auch teilen. Deswegen habe ich meine Arbeit genau dokumentiert, damit andere daran weiterarbeiten können. Diese Form der Kollaboration ist für mich der beste Weg zu neuen Ideen. Einer nachhaltigen, und gemeinschaftlichen Zukunft.

Wie wichtig sind Auszeichnungen wie der Green Concept Award, aber auch die Unterstützung durch Initiativen wie die IKEA Stiftung oder den Green Future Club für aufstrebende Designerinnen und Designer?

Beides ist unglaublich wichtig. Für uns ist das vor allem eine Chance zum Netzwerken: Unsere Arbeiten kommen ins Gespräch und sind für eine breitere Öffentlichkeit sichtbar. Zum Green Concept Award wird zum Beispiel eine Publikation veröffentlicht, dort ist auch meine Arbeit jetzt festgehalten. Außerdem bekomme ich so die Gelegenheit zum Austausch mit anderen, kann ihnen meine Ideen vorstellen und auch kritisches Feedback sammeln, das mir bei der Weiterentwicklung hilft.

Welche Bedeutung haben Themen wie Innovation und Nachhaltigkeit für Ihre Arbeit als Designerin? 

Nachhaltigkeit bedingt Innovation. Es gibt wenig gute Gründe, mehr Produkte in die Welt zu setzen, die nicht nachhaltig sind. Wenn ich ein neues Produkt entwickle, ist die erste Frage deshalb: Wie kann ich dieses Produkt nachhaltig gestalten, oder es in ein nachhaltiges System integrieren? Wie kann ich traditionelle, bewährte Materialien neu nutzen? Nachhaltigkeit und Innovation gehen im Design Hand in Hand.

Wie wichtig war die Unterstützung der Burg Giebichenstein Kunsthochschule Halle für Ihre Arbeit und Ihren Erfolg? 

Die Kunsthochschule war ausschlaggebend. Nicht nur wegen des Fachwissens, das ich hier vermittelt bekommen habe, sondern auch, weil die BURG fast grenzenlose praktische Möglichkeiten bietet. Wir haben tolle Werkstätten, tolles Personal, Expertinnen und Experten, die uns überall beraten können. Wir können Objekte digital fertigen und neue Wege der Gestaltung erforschen. Nur deshalb konnte ich meine Arbeit überhaupt so durchführen, wie ich wollte.

Wie sehen Sie die Zukunft von nachhaltigen Materialien und Konzepten in der Designbranche?

Ich denke, Nachhaltigkeit ist der einzige Weg. Wir müssen sie mitdenken, und zwar überall. Wir als Industriedesignerinnen und -designer den Hebel in der Hand, Produkte nachhaltig zu gestalten – das ist vielleicht der spannendste Aspekt unserer Arbeit.

Mehr zu Marianne Sellmaiers Arbeit erfahren Sie auf https://www.burg-halle.de/hochschule/auszeichnungen/a/marianne-sellmaier-gewinnt-green-concept-award-2024/

Foto: Marianne Sellmaier