Werkleitz Festival 2010: Angst hat große Augen

Montag, 11. Oktober 2010 by KSA

Angst ist ein lebenswichtiges Grundgefühl. Jeder Mensch kann Angst empfinden. Der Titel des Festivals, das Sprichwort Angst hat große Augen, wird im Kontext des Festivals zum Bild einer Gesellschaft, die mit schreckgeweiteten Augen ihre eigenen Katastrophenszenarien konsumiert. Diese Spannung zwischen existentieller und medial vermittelter Angst ist das eigentliche Thema des Festivals.

Angst ist ein lebenswichtiges Grundgefühl. Jeder Mensch kann Angst empfinden. Ohne ihre  Warnfunktion kann man nicht überleben. Dennoch ist Angst in Verruf geraten; unsere Gesellschaft verlangt Erfolg und Risikobereitschaft; für Zaudernde ist kein Platz. In den Medien dagegen hat die Angst Hochkonjunktur; ein Katastrophenszenario folgt auf das andere. Dabei ist schwer zu unter-scheiden, was begründete Warnung und was Geschäft mit der Angst ist. Spätestens aber, wenn der Klimawandel als Hollywoodspektakel auf der Leinwand auftaucht, wandelt sich die existentielle Warnung zur reinen Angstlust – eine Autopoiesis der Angst; die Welt wird zur Geisterbahn.

Der Titel des Festivals, das Sprichwort Angst hat große Augen, wird im Kontext des Festivals zum Bild einer Gesellschaft, die mit schreckgeweiteten Augen ihre eigenen Katastrophenszenarien konsumiert. Diese Spannung zwischen existentieller und medial vermittelter Angst ist das eigentliche Thema des Festivals, das sich um zwei Pole gruppiert:

Angst in der schwarzen Schachtel präsentiert 56 selten zu sehende Filme aus den Jahren 1920 bis 2010, von klassischen Dokumentarfilmen über den kurzen Spielfilm bis hin zu Werbung, Lehr- und Spionagefilmen. Künstlerische (Re)Inszenierungen der Angst treffen auf autobiographische
Erfahrungen und wissenschaftliche Manipulationen. Das Filmprogramm wird kuratiert von Marcel Schwierin, Gastkuratoren sind Karin Fritzsche und Brent Klinkum.

Angst in der schwarzen Schachtel (eine Auswahl)

Samstag, 16.10. 19.00 Uhr Eine Seite des Wahnsinns/ A Page of Madness,
kuratiert von Marcel Schwierin

Ein Meisterwerk des frühen experimentellen Spielfilms. Erzählt wird die Geschichte eines Ehepaares. Die Frau ertränkt im Wahn ihr Kind, der Mann folgt ihr in die psychiatrische An-stalt, um sie zu befreien, aber beide werden zu sehr Teil der Institution. Kinugasa erzählt den Film selbst wie im Wahn, die Logik der Handlung wird beständig gebrochen, Mehrfachbelich-tungen und schnelle Montage hinterlassen den Betrachter ähnlich verwirrt wie die Protagonis-ten des Films. An dem Drehbuch arbeitete auch der spätere Literaturnobelpreisträger Yasuna-ri Kawabata mit, er war wie Kinugasa Mitglied der literarischen Avantgarde-Gruppe Shinkan-kakuha. Als der 30-jährige Kinugasa 1926 aus eigenen Mitteln Eine Seite des Wahnsinns drehte, war er bereits ein erfahrener Regisseur und kannte die Filme der französischen, sow-jetischen und deutschen Avantgarde. Für Angst hat große Augen wird der  Film in der origina-len Geschwindigkeit von 18 Bildern pro Sekunde und mit Live- Musik gezeigt. Zudem wird die japanische Tradition des Benshis, des Filmerzählers, wiederbelebt. Der Schauspieler Marold Langer-Philippsen wird den Film live kommentieren, basierend auf originalen Texten eines Benshis, der Eine Seite des Wahnsinns in den 1920er Jahren begleitet hatte.

Kurutta ippeiji, Teinosuke Kinugasa, Japan 1926, 78 min

Sonntag, 17.10. 16:00 Uhr Fear Within / Die innere Angst,
kuratiert von Brent Klinkum

Das Land und die Region, in denen das Thema Angst das alltägliche Leben sowohl auf per-sönlicher als auch auf kollektiver Ebene auf die nachhaltigste Weise durchdringt, sind sicher Israel und der Nahe Osten. Ohne eine politische Haltung einnehmen zu wollen, wurde dieses Programm in der Hoffnung zusammengestellt, illustrieren zu können, wie unterschiedliche, in Israel geborene KünstlerInnen ihre persönlichen und kollektiven Ängste in der Vergangenheit adressiert haben bzw. es noch heute tun. Die endgültige Auswahl zu treffen war kein leichtes Unterfangen, da auch KünstlerInnen und FilmemacherInnen wie Avi Mograbi, Doron Solo-mons, Dana Levy, Boaz Arad, Nurit Sharet, Lior Shvil oder Guy Ben-Ner – um nur ein paar wenige zu nennen – hier ebenso gut hätten vertreten sein können. Abgesehen von der Tatsa-che, dass die ausgewählten Arbeiten einen klaren Bezug zum thematischen Kontext des dies-jährigen Werkleitz Festivals aufweisen, unterstreichen diese Videos und Filme auch die un-verkennbare Qualität der zeitgenössischen israelischen künstlerischen Praxis. Ein Mini-Panorama, in dem – völlig unbeabsichtigt – alle Arbeiten von Frauen sind; Frauen an unter-schiedlichen Punkten ihrer Karriere, mit radikal verschiedenen künstlerischen Perspektiven und Methoden, diese visuell umzusetzen.

u.a. Mother Economy, Maya Zack (anwesend) / Sabbath 2008, Nira Pereg / Ruin and Humiliation – Qalqilya, B’Tselem

Donnerstag, 14.10., 19.00 Uhr Kino der Geheimdienste
kuratiert von Karin Fritzsche

Schon 1965 richtete das Ministerium für Staatssicherheit der DDR (MfS) einen Lehrstuhl für Psychologie an der hauseigenen Hochschule in Potsdam-Golm ein. Dort wurde gelehrt, wie Angst nutzbar ist, um Menschen willfährig zu machen und als Kontrahenten auszuschalten.
„Wir müssen alles wissen!“, war Mielkes Devise, und so waren an die 90.000 offizielle  und rund 200.000 inoffizielle Mitarbeiter beauftragt, Informationen zu sammeln, sei es als Schrift, Ton oder Film.

u.a. Beobachtungsauftrag des Objektes „Husar“ und der Verbindung „Rolle“ / Verneh-mung einer männlichen Person am 24.4.87 wegen Kontaktaufnahme zur Botschaft der BRD in Budapest /  Wer ist wer / Titkos örizetbevétel – Konspirative Zuführung.

Angst in Form umfasst neun künstlerische Arbeiten, die das Thema im öffentlichen Raum verorten. Die Spannbreite der Projekte reicht von subtilen Eingriffen bis zur sensationellen Inszenierung und zeigt die Vielzahl der Ängste auf, die uns „draußen“ erwarten. Die zwischen Mai und Oktober 2010 exklusiv für das Festival entstandenen Arbeiten sind während des gesamten Festivals vom 12. – 17. Oktober in einer Dokumentationsausstellung im Puschkinsaal des Thalia Theaters Halle zu sehen.

Die Künstler:
Stephan Apicella-Hitchcock (US) - As You Wish / Critical Art Ensemble (US) – Radiation Burn:
A Temporary Monument to Public Safety / Leopold Kessler (AT) - Fence Sharpening /
Folke Köbberling / Martin Kaltwasser (DE) - Trash Circulated / KUNSTrePUBLIK (DE) - Halle alle
Steven Rowell (US) - Background Listening /  Antje Schiffers / Thomas Sprenger (DE) - Wandern / Henrik Schrat (DE) - Raben und Rosen / Ella Ziegler (DE) – Reisertausch

Festival:          
Werkleitz Gesellschaft e.V.
Schleifweg 6, D-06114 Halle (Saale)
www.werkleitz.de
www.kunstrepublik.de

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