Albert erweitert 3D-Drucker

Studenten der Burg Giebichenstein haben einen Extruder für neue Produkte entwickelt

Chris Walter (links) und Lukas Keller haben „Albert“ erdacht. Foto: Amélie Ikas

3D-Drucker gehören längst zu unserem Alltag. Sie können Ideen greifbar machen, die am Computer entstehen. Schicht für Schicht entstehen dreidimensionale Werkstücke zumeist aus Kunststoff. Das ist nicht genug, dachten sich Lukas Keller und Chris Walter. Die beiden Industriedesign-Studenten an der Burg Giebichenstein in Halle (Saale) haben einen Extruder entwickelt, mit dem es möglich ist, die Drucker aufzurüsten und damit so ziemlich alles zu drucken, sogar Vanillekipferl nach Omas Rezept. 

Halle (Saale). Die Idee kam den beiden Studenten im zweiten Semester als sie sich in einem Workshop mit Keramikwerkstoffen befassten. Dabei ging es auch um Extrusion, also um den Prozess, bei dem feste bis dickflüssige härtbare Massen unter Druck aus einer formgebenden Öffnung herausgepresst werden. Was und wie da etwas aus dem 3D-Drucker kam, weckte das Interesse von Chris Walter und Lukas Keller. „Was wäre, wenn das Verfahren nicht mehr an Druckluft und Kompressor gekoppelt wäre?“ Diese Frage schwirrte im Kopf der beiden herum. Als angehende Industriedesigner stellten sie dabei die ureigene Herangehensweise von Gestaltern in den Mittelpunkt: Das Produkt sollte optimiert werden. „Und zwar so“, sagt Lukas Keller, „dass das System für alle Verbraucher zugänglich werden kann“. 

Sie suchten das „missing link“ für die digitale Produktion. Entstanden ist bei dieser Suche „Albert“, ein Paste-Extruder, der nach einem offenen Gestaltungsprinzip funktioniert und den Funktionsumfang eines jeden handelsüblichen 3D-Druckers erweitern könnte. Denn: Mit ihrer neuartigen Extrudereinheit, die problemlos in jedes herkömmliche 3D-Drucksystem integriert werden kann, ist die Produktion von Stücken aus unterschiedlichsten pastösen Stoffen möglich. Gewachsen ist die Idee, dem ein Prototyp folgte, aus einer anderen Idee – die des Crowdfundings. Chris Walter sagt: „Wir sind quasi den umgekehrten Weg gegangen, hatten noch kein Produkt, wollten aber herausfinden, ob wir die breite Masse begeistern können.“ Mit Crowdfunding wird versucht, Projekte, Produkte und Start-Ups zu finanzieren. Meist werden über das Internet möglichst viele Menschen mobilisiert, die das Projekt finanziell unterstützen sollen. Vorab wird häufig eine Mindestsumme vorgegeben. „Der Charme bestand auch darin, dass wir mögliche Produkte, die wir drucken, verkaufen könnten“, erinnert sich Walter. Die Mobilisierung funktionierte ganz gut. Was aber auch funktionierte und darum für die Tüftler in den Vordergrund gerückt ist, war die Umsetzung ihrer Extruder-Idee.

Vick de Froz Jorge Manuel und Polina probieren „Albert“ aus. Foto(s): Chris Walter

Sie experimentierten mit Materialien wie Keramik, Silikon und auch Lebensmitteln. Druck wurde nicht nur in den 2D-Druckern aufgebaut, mit denen sie hantierten, um herauszufinden, wie sie diese am besten umbauen können. Auch das Versprechen an die Oma machte ihnen „Dampf“, wie Chris Walter lachend erzählt. „Ich hatte versprochen, zu Weihnachten ihre Vanillekipferl aus dem Drucker kommen zu lassen, als Beweis, was alles möglich ist. Auf ihrem Youtube-Video sieht man, wie im Café ein Muffin gedruckt wird. 

Am Rechner entwickelten sie Computer-Aided-Design- sogenannte CAD-Entwürfe. Diese versuchten sie praktisch umzusetzen. Und immer wieder tauchten die Fragen auf: „Hält alles, ist es dicht? Wie kommt die richtige Form am Ende heraus?“ „Das Schwierigste war, die Masse durch den Kolben und den Schlauch zu pressen“, erklärt Lukas Keller. „Das ist nur mittels enormen Drucks möglich.“ Der Silikonschlauch jedoch blähte sich durch den Druck auf, die Masse floss nicht ohne mechanische Hilfe. Sie lösten das Problem mit einer speziellen Düse, leiteten den Druck kurzerhand um. „Albert“ war geboren. 

Dass ihr Werkstück ausgerechnet diesen Namen trägt, ist dem Ranking der derzeit beliebtesten Vornamen zu verdanken. „Wir wussten, dass wir fürs Vermarkten einen Namen brauchen, haben uns aber keine großartigen Gedanken gemacht“, erinnert sich Lukas Keller. Aber „Albert“ kommt gut an. Kommilitonen und Professoren denken an den letzten deutschen Kaiser, der Friedrich Wilhelm Viktor Albert hieß und die Weltausstellung eröffnet hat. Die Oma von Chris Walter denkt schlicht an den Opa mit selbigen Vornamen, der Ingenieur war. „Es ist ein schönes Gefühl, wenn die Menschen sich mit unserem Produkt auseinandersetzen“, sagt der Student. Auch, wenn die Crowdfunding-Kampagne durch das Experimentieren in den Hintergrund geraten war, die Nachfrage nach „Albert“ war und ist vorhanden. Für die Oma gab es selbstgedruckte Vanillekipferl, für Interessenten aus der Wirtschaft die Beweise, dass mit „Albert“ das 3D-Drucken umfangreicher werden kann, weil es möglich ist, auch abseits von Kunststoffen wie PE, PP und ABS etwas entstehen zu lassen. „Adressiert ist der Extruder an die weltweit wachsende Maker-Community, die fortan autark pastöse Druckmedien erschließen kann“, meint das Duo. 

Das würdigen auch zahlreiche Experten. Beim diesjährigen Landeswettbewerb „Bestform“ erhielten Lukas Keller und Chris Walter eine Förderpreis mit der Begründung: „Mit ihrem ,do-it-yourself-Gedanken‘ könnten sie eine Demokratisierung der Produktionsmittel auslösen“. Außerdem wurde der Paste-Extruder für zahlreiche Wettbewerbe nominiert wie die „3D Pioneers Challenge“ oder die „Luxembourg Design Awards“ und auf der „Maker Faire Berlin“, der „Rapid.Tech + FabCon 3.D“. Auch im traditionsreichen „Bauhaus“ in Dessau zeigt man Interesse und hat „Albert“ ausgestellt. Bei einer Roadshow ist der Paste Extruder an verschiedenen internationalen Stationen zu sehen. 

Inzwischen haben Chris Walter und sein Kommilitone Tizian Erlemann schon wieder Neues im Blick – natürlich wieder mit dem „Do-it-yourself“-Gedanken: Wenn das 3D-Druckobjekt großformatig ist, beispielsweise ein Haus entstehen soll, muss der Drucker größer als das Gebäude sein. „Wir wollen mit einem neuen Gestaltungsprozess ansetzen, parasitär und individuell auf einer bestehenden Infrastruktur aufbauen“, erklärt Walter. „Ein solcher ortsunabhängiger, ressourcenschonender Großraumdrucker bietet Chancen für außergewöhnliche Projekte.“ Es geht ihnen darum, Freiheit in der Gestaltung zu erreichen, meinen die Studenten. Das war auch bei „Albert“ so. Interessenten aus der Wirtschaft gibt es bereits. Anfragen kommen für große und kleine Projekte. „Wir sind gespannt, wie es weiter geht“, sagt Chris Walter. 

Autorin: Manuela Bock